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Sie sind hier: Fokus » Essstörungen » Aktuell 21. Mai 2012
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Essstörungen machen junge Frauen kinderlos
 
Die Expertin Frau Dr. med. Bettina Isenschmid zur Häufigkeit und zu Entstehungsgründen von Essstörungen. „Mangelndes Selbstbewusstsein ist ein häufiger Grund eine Essstörung zu entwickeln.“

Legende zum Interview

Bettina Isenschmid

Dr. med.
Bettina Isenschmid

 

 

 

Sprechzimmer: Frau Dr. Isenschmid, wie häufig sind Essstörungen?

Dr. med. Bettina Isenschmid

 

Gemäss Studien und unserer klinischen Erfahrung liegt die Häufigkeit für die Anorexie bei 1-2% und die Bulimie bei 3-5%. Mindestes ein Drittel der fettleibigen Patienten – also mit einem Body Mass Index über 30 – hat ebenfalls eine Essstörung, meistens ein Binge Eating Disorder. Am stärksten betroffen sind junge Frauen.

 
 

 

Sprechzimmer: Was steckt dahinter? Warum entwickelt jemand eine Essstörung?

Dr. med. Bettina Isenschmid

 

Neben genetischer Veranlagung sind psychologische Merkmale wie vermindertes  Selbstbewusstsein, Perfektionsdrang, Mangel an Autonomie und Wertschätzung - eventuell auch Missbrauch oder Gewalt in der Familie - Faktoren, die bei der Entstehung von Essstörungen prägend sind.

 
 

 

Sprechzimmer: Sind Essstörungen harmlos?

Dr. med. Bettina Isenschmid

 

Nein, keineswegs. Bei einem Viertel der Betroffenen wird daraus ein chronisches Problem. Essstörungen reduzieren die weibliche Fruchtbarkeit. Die Folgen sind erhebliche Probleme bei Kinderwunsch oder späteren Schwangerschaften. 5 bis 10% der von einer Anorexie oder Bulimie Betroffenen sterben innerhalb von zehn Jahren nach Diagnosestellung an Herzrhythmusstörungen, Infektionen, Suizid oder chronischem Nierenversagen.

 
 

 

Sprechzimmer: Wie erkennt man eine Essstörung?

Dr. med. Bettina Isenschmid

 

Neben der Gewichtsabnahme sind ständige Beschäftigung mit Aussehen und Essen sowie abwertende Bemerkungen zu Figur und Gewicht häufig. Später kommen körperliche Symptome wie Störungen im Monatszyklus, Verdauungsprobleme, Verstopfung, Schwächeanfälle, Schwindel, Wachstums- und Konzentrationsstörungen hinzu. Nicht selten ziehen sich die Betroffenen aus dem Sozialleben zurück.

 
 

 

Sprechzimmer: Welchen oder welche Auswege gibt es für Betroffene mit einer Essstörung?

Dr. med. Bettina Isenschmid

 

Je früher eine Behandlung erfolgt, desto besser ist die Prognose. Ein einfühlsames Ansprechen von Beobachtungen zum beobachteten  Verhalten durch Vertrauenspersonen ist ein erster wichtiger Schritt. An Zentrumsspitälern existieren spezielle Sprechstunden für Menschen mit Essstörungen. Psychotherapien können die Betroffenen stützen. Zur weiteren Unterstützung existiert ein Netzwerk von Beratungs- und Anlaufstellen.

 

Kurze Erklärungen zu den verschiedenen Essstörungen

  • Anorexia nervosa (Magersucht)

Die Betroffenen fühlen sich zu dick, obwohl  ein Untergewicht besteht (BMI unter 18kg/m2). Aus Angst vor Gewichtszunahme werden aktiv Massnahmen ergriffen, das Gewicht immer weiter zu senken. Die Folge davon sind massive Veränderungen des Stoffwechsels sowie des Hormonhaushaltes. Im Extremfall hungern sich die Betroffenen zu Tode.

  • Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht)

Die Beschäftigung mit Figur und Gewicht überschattet alles. Auf unkontrollierte Essattacken folgen Gegenmassnahmen zur Gewichtsreduktion (Erbrechen, Abführen, sportliche Aktivitäten, Fasten). Das Gewicht liegt meist knapp unter der Norm.

 

  • Ess-Sucht (Binge Eating Disorder)

Binge eating“ heisst übersetzt „ein Fressgelage abhalten“. Im Unterschied zur Bulimie leiten die Betroffenen aber keine gewichtsreduzierenden Gegenmassnahmen ein. Die Folge ist eine Gewichtszunahme. Häufig kommend begleitend Angsstörungen oder Depressionen vor.

 

  • Orthorexia nervosa

Der Begriff bedeutet etwa „Besessensein vom gesunden Essen“. Hier steht nicht die Menge im Vordergrund, sondern die Qualität der Nahrung (gut oder schlecht, gesund oder ungesund). Das Essvergnügen tritt in den Hintergrund und die Zahl der Nahrungsmittel reduziert sich auf wenige Nahrungsmittelgruppen. Mangelerscheinungen und soziale Isolation aufgrund der zunehmenden  „Missionierungshaltung“ sind häufige Folgen.

 

  • Exercise Addiction – Süchtig nach Sport

Wenn Sport und körperliche Aktivitäten die Person kontrollieren, die körperliche Leistungslatte immer höher gesetzt wird und körperliche Warnsignale (z.B. Erschöpfung, Schwäche, Herzstörungen) missachtet werden, spricht man von „Exercise Addiction“. Häufig geht diese Störung  mit Essstörungen einher.
Mehr Informationen >>

 

Körpermasse als Richtwert - der Bodymassindex (BMI)

Der Body-Mass-Index (BMI) wird heute als Formel für die Berechnung des Normalgewichts gebraucht: Gewicht (in kg) geteilt durch Körpergrösse im Quadrat (in m).
Normbereich bei Frauen ab 18 Jahren:  19 bis 24, bei Männern 20 bis 24.
Für Kinder und Jugendliche gibt es spezielle Kurven, das das Gewicht auch altersabhängig ist.

Wir bedanken uns herzlich bei Frau Dr. Bettina Isenschmid für die spontane Zusage und das äusserst informative Interview und wünschen ihr weiterhin viel Erfolg.

 

Zur Interview-Partnerin

Frau Dr. med. et MME Bettina Isenschmid ist als Psychiaterin und Psychotherapeutin FMH Ko-Leiterin des Kompetenzbereichs Adipositas, Ernährungspsychologie und Prävention von Essstörungen (KEA) an der Universitätspoliklinik für Endokrinologie, Diabetologie und Klinische Ernährung des Inselspitals Bern.


Als Präsidentin resp. Vorstandsmitglied der Vereine PEP Bern und PEP Suisse beschäftigt sie sich mit Projekten der Prävention und Früherkennung und der Schulung von Mediatorinnen diverser Berufsgruppen aus Gesundheitswesen und Pädagogik.

 

Weitere Informationen

Telefon: +41 31 632 0800

E Mail: eating@insel.ch

 

Nützliche Links


Mediscope, Dr. med. Bettina Isenschmid

28.10.2008 - dzu


 

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