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Sie sind hier: Fokus » Multiple Sklerose » Expertenmeinung 23. Mai 2012
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Frühe Therapie verlangsamt Verlauf der MS - Auskunft eines Experten
 
PD Dr. med. Adam Czaplinski referiert zu Frühsymptomen, Diagnosemöglichkeiten und warum es wichtig ist, die Krankheit früh zu erkennen und zu therapieren. PD Dr. med. Czaplinski ist Neurologe am Neurozentrum Bellevue.

Legende zum Interview - Frühe MS-Therapie

MS Fragen
 

 

Sprechzimmer: Herr Czaplinski, welche Anzeichen/Symptome haben MS-Betroffene, wenn sie das erste Mal zu Ihnen ins Neurozentrum Bellevue kommen?

PD Dr. med. Adam Czaplinski

Die klinischen Symptome bei MS sind sehr unterschiedlich und zeigen sich unter anderem in Gefühlsstörungen, Muskelschwäche, Sehstörungen, Koordinationsstörungen, Müdigkeit, kognitiven Beeinträchtigungen. Die Vielfalt an Symptomen ist so gross, dass wahrscheinlich keine Auflistung vollständig sein kann. Auch werden die meisten Patienten nur ein paar der „typischen“ MS-Symptome jemals durchmachen.

 

Damit eine medikamentöse Therapie den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen kann, ist es entscheidend wichtig, die Krankheit bereits bei den ersten Symptomen zu erkennen.

 
 

 

Sprechzimmer: MS hat bei jedem Betroffenen einen sehr eigenen Krankheitsverlauf und ist schwer zu diagnostizieren. Ab wann spricht man heute von MS? Was ist CIS?

PD Dr. med. Adam Czaplinski

Das Erscheinungsbild der Multiplen Sklerose ist tatsächlich sehr vielfältig; die meisten Anfangsbeschwerden der MS können eventuell auch durch andere Krankheiten verursacht werden. Durch eine Reihe neuerer Untersuchungsverfahren ist es in den letzten Jahren leichter geworden, MS zu diagnostizieren. Auch kann die Diagnose MS heute im früheren Stadium gestellt werden.

 

Ein eindeutiges Diagnoseverfahren, mit dem sich eine MS sicher feststellen oder ausschliessen lässt, gibt es aber bis heute nicht. Für eine definitive Diagnose müssen spezifische, auf klinischen und MRI-Untersuchungsergebnissen (bildgebende Verfahren) basierende Kriterien erfüllt sein.

 

Hatte man früher mindestens 2 Schübe abgewartet, um die Diagnose MS sicher stellen zu können, so kann heute nach den neusten Kriterien die Diagnose bereits nach dem ersten Schub definiert werden. Auf diese Weise ist eine sehr frühe Diagnosestellung möglich, was für einen möglichst positiven Verlauf der Krankheit wichtig ist. Denn: Je früher die Therapie einsetzt, desto wahrscheinlicher kann das Auftreten von Schüben und das Fortschreiten der Behinderung vermindert werden.

 

CIS, das sog. „clinically isolated syndrom“ ist heute der frühst mögliche Zeitpunkt mit einer Therapie zu beginnen. Dafür muss ein Schub nachweisbar sein und bei bildgebenden Verfahren (MRI-Untersuchungen) müssen sich eindeutige Hinweise auf eine Multiple Sklerose ergeben.

 
 

 

Sprechzimmer: Früher herrschte offenbar die Meinung vor, weitere Schübe abzuwarten, bevor mit einer therapeutischen Intervention begonnen werden sollte. In jüngerer Zeit scheinen sich die Hinweise verdichtet zu haben, dass ein möglichst früher Therapiebeginn vorteilhaft ist. Wie sehen Sie das?

PD Dr. med. Adam Czaplinski

MS Forschung und klinische Studien belegen immer deutlicher, dass der Zeitpunkt des Beginns einer MS-Therapie entscheidend für den weiteren Verlauf der Krankheit ist. Unabhängig von klinischen Studien sprechen viele andere Daten eindeutig für einen frühen Therapiebeginn.

 

Pathologisch-morphologische Hinweise, krankhafte Veränderungen

Der Hauptgrund für die Entwicklung einer Behinderung bei MS ist die Schädigung der Nervenfasern (Axone). Die Schädigung der Axone ist dauerhaft und kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Es gibt klare Beweise, dass diese Axonschädigung bereits in einer sehr frühen Phase von MS einsetzt.

 

Es ist daher wichtig, die Entzündungsaktivität und die Axonschädigung möglichst früh zu verhindern oder mindestens abzuschwächen.

 

Daten der Magnetresonanztomographie (MRI)

MRI-Techniken spielen eine zentrale Rolle in der Diagnostik der MS und liefern darüber hinaus frühe Hinweise auf den späteren Verlauf der Erkrankung. Bei Patienten mit einem ersten klinischen Ereignis (CIS; clinically isolated syndrom) geben die im MRI sichtbaren Läsionen Hinweise auf den späteren Verlauf der MS-Erkrankung.

 

Patienten, bei denen die Läsionslast und die MRI-Aktivität zu Beginn hoch ist, haben eine schlechtere Verlaufsprognose.

 

Eine frühzeitig begonneneTherapie kann die Anzahl der Läsionen reduzieren und damit den MS Verlauf positiv beeinflussen.

 

Der natürliche Verlauf der Multiplen Sklerose

Das Zusammenspiel von Schüben und dem Fortschreiten der MS charakterisiert den klinischen Verlauf. Der frühe Verlauf beeinflusst die Langzeitentwicklung der Erkrankung.


Die Schubrate im frühen Krankheitsverlauf weist auf die zukünftige Progressionsrate und den Behinderungsstatus hin, d.h. je mehr Schübe auftreten, desto schneller ist der Erkrankungsverlauf und desto höher der Behinderungsstatus.

 

Eine möglichst frühe Therapie vermindert Schübe und Behinderung im späteren Verlauf der MS.

 

Klinische Daten zur Behandlung mit beta-Interferon

In 3 Studien wurde die Wirksamkeit von beta-Interferon in einer frühen Krankheitsphase, bei Patienten mit einem ersten klinischen Ereignis, das auf MS hinweist (CIS), untersucht.

 

Die 2-Jahresergebnisse einer sogenannten BENEFIT- Studie zeigen, dass das Risiko, eine klinisch gesicherte MS zu entwickeln (d.h. einen zweiten Schub zu erleiden) mit Interferon beta-1b um 50% reduziert werden kann und dass Interferon beta-1b ausserdem die Zeit bis zur klinisch gesicherten MS um 363 Tage - im Vergleich zur Placebo-Gruppe - verlängerte. Der zweite Schub kann also über die Studiendauer von 2 Jahren mit beta-Interferon um ein Jahr hinausgezögert werden. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch weitere Studien, welche mit Interferon beta-1a durchgeführt wurden.

 

Diesen Fakten tragen auch der Empfehlungen der „Multiple Sclerosis Therapy Consensus Group“ (MSTCG) Rechnung. Dieses Forum, das sich aus internationalen MS Experten zusammensetzt, empfiehlt, dass eine immunmodulatorische Basistherapie bereits nach dem ersten Schub begonnen werden sollte, wenn weitere Voraussetzungen, die auf eine MS hinweisen, erfüllt sind.


Schlussfolgerung

  • 1. Pathophysiologische, radiologische und Daten zum natürlichen Verlauf der MS sprechen für einen frühen Therapiebeginn.
  • 2. Klinische Studien mit Interferonen zeigen, dass ein früher Therapiebeginn, das MS-Risiko und die Entwicklung bleibender Behinderungen deutlich reduziert.

 
 

 

Sprechzimmer: Betroffene müssen sich über Jahre das Medikament regelmässig spritzen. Vielen geht es aber gut und sie merken kaum etwas von der Krankheit. Was bringt in diesem Fall eine Frühtherapie den MS-Betroffenen?

PD Dr. med. Adam Czaplinski

Man muss wissen, dass alle heute zur Verfügung stehenden MS-Therapeutika, die Krankheit nicht heilen können. Der Verlauf der MS lässt sich zwar beeinflussen, das heisst, man kann die Schubraten reduzieren und die Progression der Behinderung verzögern. Eine Heilung der Erkrankung ist aber nicht möglich. Es ist also damit zu rechnen, dass es trotz Therapie zu Schüben und auch zu einer Krankheitsweiterentwicklung kommen kann.

 

Weil die Krankheit auch zwischen den Schüben voran schreitet, soll die Therapie weitergeführt werden, das ist wichtig. Die MS ist sozusagen eine Krankheit, die niemals schläft. Ein Schub ist gewissermassen nur die Spitze des Eisbergs. Oft zeigt sich in MRI-Aufnahmen, dass auch zwischen den Schüben Entzündungsreaktionen in Gehirn und Rückenmark ablaufen. Sie bleiben jedoch körperlich unbemerkt.

 

Zwischen den Schüben kann auch die Axonschädigung weitergehen. Es reicht also nicht, nur etwas gegen die Krankheit zu tun, wenn sie sich als Schub bemerkbar macht. Auch hier ist es wichtig, so früh wie möglich mit der Therapie zu beginnen, um den Krankheitsverlauf wirksam zu beeinflussen: Die MS-Medikamente sind nämlich in der Frühphase am wirksamsten.

 
 

 

Wir bedanken uns herzlich bei Herr PD Dr. med. Adam Czaplinski für die spontane Zusage und das äusserst informative Interview und wünschen ihm weiterhin viel Erfolg in seiner Arbeit.

 

Zum Interview-Partner

PD Dr. med. Adam Czaplinski

PD Dr. med.
Adam Czaplinski

 
Priv. Doz. Dr. med. Adam Czaplinski ist Facharzt für Neurologie FMH und führt im Neurozentrum Bellevue eine Gemeinschaftspraxis mit PD Dr. med. Manuel Meyer. Seine Ausbildung zum Neurologen absolvierte er grösstenteils in der Neurologischen Universitätsklinik in Basel (Prof. Andreas Steck und Prof. Ludwig Kappos), wo er über mehrere Jahre als Oberarzt, und zuletzt als Leiter a.i. der Neurologisch-Neurochirurgischen Poliklinik tätig war.

Zusätzlich zu seiner Praxisaktivitäten ist er auch als Assoziierter Arzt in der Neurologischen Universitätsklinik des Universitätsspitals Basel und als Beleg- und Konsiliararzt in der Klinik Hirslanden in Zürich tätig. PD Dr. med. Czaplinski ist Autor mehrerer wissenschaftlicher Publikationen und Mitglied der Schweizerischen, Europäischen und Amerikanischen Neurologischen Fachgesellschaften.

 

 

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26.10.2009 - dzu


 

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