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Sie sind hier: Fokus » Multiple Sklerose » Expertenmeinung 23. Mai 2012
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MS-Medikamente: alt versus neu - Experteninterview
 
Wann die neuen MS-Medikamente zu gelassen werden und was das für die heutige Behandlung bei MS bedeutet, dazu gibt Dr. med. Christian Kamm, Neurologe und Oberarzt am Inselspital Bern, Auskunft.

Legende zum Interview: MS-Medikamente: alt versus neu

 
 

Sprechzimmer: Herr Dr. Kamm, neue Medikamente zur Therapie der Multiplen Sklerose sollen demnächst zugelassen werden. Wann ist es soweit?

Dr. med. Christian Kamm

Aktuell sind zahlreiche viel versprechende Medikamente unterschiedlichster Art in Erforschung, die ihre Wirksamkeit bereits in grösseren Studien (Phase II- und Phase III-Studien) bei Patienten mit schubförmiger Multipler Sklerose gezeigt haben.

 

Von diesen Medikamenten wird wahrscheinlich 2011 das erste orale Medikament (=Tablette) namens Gilenya® (Fingolimod) in der Schweiz zugelassen werden.

 
 

Sprechzimmer: Was heisst das für die MS-Patienten in der Schweiz?

Dr. med. Christian Kamm

Insgesamt ist anzunehmen, dass sich die Behandlungsmöglichkeiten von Patienten mit Multipler Sklerose in den kommenden Jahren deutlich erweitern und somit verbessern werden.

 

Eine grössere Anzahl unterschiedlicher Medikamente führt dazu, dass man die Therapie den individuellen Bedürfnissen des Patienten besser anpassen kann.

 

Ausserdem hat man bei schlechter Wirksamkeit oder Verträglichkeit von Medikamenten die Möglichkeit, auf andere, ebenfalls wirksame Medikamente umzusteigen.

 
 

Sprechzimmer: Wie unterscheiden sich die neuen Medikamente von den jetzigen Immunmodulatoren, wirken sie nach dem gleichen Prinzip?

Dr. med. Christian Kamm

Bei den neuen Medikamenten handelt es sich meist um Tabletten oder intravenös (=in die Vene) verabreichte Medikamente. Sie unterscheiden sich somit in der Anwendung von den aktuellen Basismedikamenten, welche man regelmässig unter die Haut (Interferon beta, Glatiramer acetate) oder in den Muskel (Interferon beta) spritzt.

 

Die neuen Medikamente haben unterschiedlichste Wirkmechanismen, weswegen eine umfassende Vorstellung nicht möglich ist. Letztendlich wirken sie, vergleichbar mit den aktuellen zur Verfügung stehenden Medikamenten auf das Immunsystem, in dem sie das Immunsystem hemmen (= immunsuppressive Wirkung) oder verändern (=immunmodulierende Wirkung). Dies führt zu einer verminderten Entzündungsreaktion und somit Hemmung der Multiplen Sklerose.

Gilenya® (Fingolimod) hemmt beispielsweise den Austritt von Entzündungszellen (=T-Lymphozyten) aus den Lymphorganen, was zu einer verminderten Entzündungsreaktion und somit einem positiven Effekt bei Multipler Sklerose führt.

 
 

Sprechzimmer: Für welche Patienten sind die neuen Medikamente geeignet.

Dr. med. Christian Kamm

Die neuen Medikamente sind anfänglich insbesondere für Patienten geeignet, die unter Therapie mit den aktuellen Basismedikamenten (Interferon beta, Glatiramer acetate) weiterhin eine Krankheitsverschlechterung zeigen bzw. die aktuellen Medikamente aufgrund von Nebenwirkungen nicht vertragen.

 

Patienten mit neu diagnostizierter Multipler Sklerose werden voraussichtlich den Wunsch nach einer oralen Therapie äussern. Dies ist verständlich. Über die generelle Anwendbarkeit der neuen Medikamente werden aber nicht nur ihre Wirkung, sondern auch ihre Nebenwirkungen entscheidend sein, welche aktuell noch nicht in vollem Umfang absehbar sind.

 
 

Sprechzimmer: Was bedeutet das für die Patienten? Welche Risiken bestehen?

Dr. med. Christian Kamm

In Bezug auf die Nebenwirkungen unterscheiden sich die neuen Medikamente erheblich von den aktuellen Basismedikamenten.
Für die aktuellen Basismedikamente (Interferon beta, Glatiramer acetate) ist eine gute Langzeitwirksamkeit ohne Auftreten schwerwiegender Nebenwirkungen gut belegt.

 

Im Unterschied hierzu ist es bei der Mehrzahl der neuen Medikamente in den Studien zu seltenen, jedoch schwerwiegenden Nebenwirkungen gekommen. Über die Langzeitwirksamkeit und Sicherheit der neuen Medikamente ist noch nichts bekannt.

 

Die Schwierigkeit wird daher zukünftig sein, den optimalen Weg zwischen Wirkung und schwerwiegenden Nebenwirkungen für den einzelnen Patienten zu finden.

 

Je nach Situation müssen Ärzte und Patienten daher den Nutzen und das Risiko einer Behandlung gegeneinander abwägen.

 
 

Sprechzimmer: Werden die neuen Medikamente die bisherigen MS-Medikamente ablösen? Und was heisst das für die Patienten?

Dr. med. Christian Kamm

Über die Zukunft der neuen Medikamente wird insbesondere das bisher nicht gänzlich bekannte Nebenwirkungsspektrum entscheiden. Des Weiteren ist es wichtig zu erwähnen, dass für die meisten der neuen Medikamente eine bessere Wirksamkeit im Vergleich zu den aktuell verfügbaren Medikamente nicht bewiesen wurde.

 

Daher werden die neuen Medikamente die bisherigen Medikamente wahrscheinlich nicht gänzlich ablösen. Es kommt eher zu einer Erweiterung der Behandlungsmöglichkeiten, was sich positive auf die Behandlung von Patienten mit Multipler Sklerose auswirken wird.

 

 
 

Zum Interview-Partner

 

Dr. med. Christian Kamm, Neurologe und Oberarzt am Insel Spital Bern.

Dr. med.
Christian Kamm
 


Dr. med. Christian Kamm absolvierte das Medizinstudium an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg und Ruprecht-Karls Universität Heidelberg in Deutschland.

 

Abschluss  2003. Die Promotion schloss er ebenfalls 2003 im Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene des Universitätsklinikum Mannheim ab.

 

Seine neurologische Ausbildung erfolgte in der Universitätsklinik für Neurologie des Inselspital in Bern, wo er seit 2009 als Oberarzt tätig ist.

Der Schwerpunkt der Forschungstätigkeit von Dr. med. Christian Kamm liegt im Bereich der Multiplen Sklerose.

 

 

 

Klinik und Poliklinik für Neurologie

Inselspital
CH - 3010 Bern

Telefon: +41 (0)31 632 30 66
Fax: +41 (0)31 632 96 79
E-Mail: neurologie.direktion(at)insel.ch

Website: Inselspital Bern


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