Orale Medikamente in der MS-Therapie - Was hält der Experte davon?
Forscher, Medien und natürlich auch Patienten interessieren sich brennend für die neue Behandlungsform bei MS. Dr. med. Guido Schwegler, Neurologe am Kantonsspital Aarau, informiert zu Effektivität und Sicherheit der neuen oralen MS-Medikamente.
Neue orale MS-Medikamente stehen kurz vor dem Abschluss der klinischen Prüfung und vor der Markteinführung. In den Medien wird darüber geschrieben und über die Wirkungen der Medikamente spekuliert.
Zwei orale MS-Medikamente stehen zur Behandlung von MS damit in den Startlöchern: Eines davon ist neu auf dem Markt und das andere wurde bis heute als Chemotherapeutikum bei Leukämie eingesetzt.
Sprechzimmer: Herr Dr. Schwegler, Studien , Medien und natürlich die Betroffenen selber interessieren sich brennend für die neue Behandlungsform bei MS. Doch: Was genau ist unter einer oralen MS-Therapie zu verstehen?
Dr. med. Guido Schwegler
Dazu muss ich zuerst ein paar allgemeine Informationen geben. Multiple Sklerose ist die häufigste Krankheit, die im jungen Erwachsenenalter zu einer Behinderung führt. Daher sind die sozialen Auswirkungen gewaltig und eine erfolgreiche Behandlung umso wichtiger. Diese Krankheit ist gekennzeichnet durch wiederholte Entzündungen im Hirn, Rückenmark und im Sehnerv. Aus der Aera vor den ersten wirksamen Behandlungsansätzen weiss man, dass nach durchschnittlich 8-10 Jahren eine sichtbare Behinderung eintritt und MS–Betroffene nach durchschnittlich 15-20 Jahren nicht mehr ohne Hilfsmittel gehen können.
Seit 1995 gibt es sogenannte „verlaufsmodifizierende“ Medikamente. Verlaufsmodifizierend deshalb, weil sie den natürlichen Krankheitsverlauf durch Reduktion der Schübe und durch eine Verlangsamung der Behinderungsprogression verbessern. Alle diese in den 90er Jahren zugelassenen Medikamente (Beta Interferone, Glatirameracetat) sind nur eingeschränkt wirksam, können die Krankheit nur verlangsamen und sind nicht in Tablettenform anwendbar. Diese Medikamente müssen sich die Patienten 1x täglich bis 1 x wöchentlich selber unter die Haut spritzen. Dies ist einerseits mühsam, andererseits erleiden viele Patienten durch die ständigen Injektionen chronische Entzündungen des Unterhautfettgewebes. Das kann sehr unangenehm sein. Kurz: die Injektionen schmerzen und wirken nur eingeschränkt.
Viele Patienten sind daher ziemlich spritzmüde und wünschen sich eine Therapie in Tablettenform, eine orale Therapie also. Tabletten zur Therapie der Multiplen Sklerose sind deshalb schon lange ersehnt und werden bei gleicher oder sogar verbesserter Wirksamkeit in mittelbarer Zukunft die Standardtherapie mit Beta Interferone und Glatirameracetat ersetzen.
Sprechzimmer: Können alle MS-Betroffenen von den oralen Medikamenten profitieren?
Dr. med. Guido Schwegler
Voraussichtlich nein. Einige Patienten leiden unter einer derart rasch fortschreitenden MS, dass sie mit den neueren hochwirksamen Antikörpern (Natalizumab) oder mit dem Chemotherapeutikum Mitoxantron weiter behandelt werden sollten. Nach bisherigen Erkenntnissen liegt der Wirksamkeitsgrad der neuen oralen MS-Medikamente zwar über dem der Standardtherapien (Beta Interferone, Glatirameracetat), aber unter der Wirksamkeit von Natalizumab (Antikörper) oder Mitoxantron (Chemotherapeutikum). Ausserdem werden viele Patienten mit mild verlaufender MS unter den jetzigen erfolgreichen Standardtherapeutika vorerst wahrscheinlich eher nicht auf Tabletten umgestellt, nach dem Motto: ''never change a winning horse''.
Sprechzimmer: Welchen Vorteil haben orale Medikamente gegenüber den heutigen spritzbaren Medikamenten?
Dr. med. Guido Schwegler
Die Multiple Sklerose ist eine unheimliche Krankheit mit stetiger Gefahr für die Betroffenen, einen Schub zu erleiden, der sich nicht zurückbildet und so eine frühe Behinderung zu riskieren. Erste Maxime in der Wahl des Medikamentes ist deshalb die Wirksamkeit des gewählten Medikamentes. Zweite Maxime ist die Sicherheit, dritte Maxime die Verträglichkeit. Bezüglich Schubreduktion haben die spritzbaren Medikamente einen Wirksamkeitsgrad von ca. 33%. Das ist weniger als die neuen Tabletten (FTY720 und Cladribine), deren Wirksamkeit bei ca. 55% liegt. Dafür ist die Sicherheit der spritzbaren Medikamente gewährleistet; das kann von den anderen Therapien noch nicht gesagt werden kann.
Bei Cladribine befürchtet man eine erhöhte Gefahr, nach Jahren eine Krebserkrankung zu bekommen, bei FTY720 ist das Risiko, eine tödlich verlaufende Herpes-Erkrankung zu bekommen, wahrscheinlich erhöht. Die neuen Tabletten setzen dafür neue Massstäbe bei Verträglichkeit und Behandlungskomfort: die Schmerzen und Hautirritationen der Injektionen fallen weg.
Sprechzimmer: Mit welchen Risiken oder Nebenwirkungen ist bei den oralen Medikamenten zu rechnen?
Dr. med. Guido Schwegler
Wie bei allen neuen Medikamenten weiss man noch nicht viel über die Langzeitnebenwirkungen; das wird sich erst im Verlaufe der Behandlungszeit erweisen. Cladribine wird bei einer Behandlung während einer noch nicht bekannten Schwangerschaft ein erhöhtes Risiko von embryonalen Schädigungen zugeschrieben. Das macht diese Behandlung gerade bei jungen Frauen, welche am häufigsten von MS betroffen sind, problematisch. In den Zulassungsstudien von FTY720 gab es einige Zwischenfälle mit Herpes-Erkrankungen; zwei davon sind tödlich verlaufen.
Sprechzimmer: Wie hoch schätzen Sie das Risiko der oralen Medikamente bei der Langzeittherapie ein?
Dr. med. Guido Schwegler
Ich schätze das Risiko als relativ gering ein. Trotzdem ist es wichtig, dass man ein Sicherheitsregister aufbaut, in dem unerwünschte Nebenwirkungen möglichst lückenlos erfasst werden. Nur so kann das potentielle Risiko der neuen oralen Medikamente richtig eingeschätzt werden. Ein solches Register besteht zum Beispiel für Natalizumab (Antikörper).
Sprechzimmer: Und zum Schluss: Wann kann in der Schweiz mit der Zulassung der oralen MS-Medikamente gerechnet werden?
Dr. med. Guido Schwegler
Wir rechnen in der ersten Hälfte des Jahres 2011 damit.
Wir bedanken uns herzlich bei Herr Dr. med. Guido Schweglerfür die spontane Zusage und das äusserst informative Interview und wünschen ihm weiterhin viel Erfolg in seiner Arbeit für die MS-Patienten.
Zum Interview-Partner
Dr. med. Guido Schwegler
Dr. med. Guido Schwegler ist nach der Ausbildung am Universitätsspital Zürich seit 10 Jahren als Oberarzt auf der Neurologischen Klinik des Kantonsspitals Aarau beschäftigt. Seine Interessen gelten der Multiplen Sklerose, neuromuskulären Krankheiten, tropischen Neurotoxinen und dem Schlaganfall. Mit über 500 Patienten ist die MS Sprechstunde des Kantonsspitals Aarau, der Dr. Guido Schwegler vorsteht, eine der grössten Angebote für MS-Patienten in der Schweiz.