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Sie sind hier: Fokus » Multiple Sklerose » Expertenmeinung 23. Mai 2012
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Umgang mit Hirnleistungsstörungen bei Multipler Sklerose – Experteninterview
 
Hirnleistungsstörungen – so genannte kognitive Einschränkungen - sind bei Multipler Sklerose häufig. Die Expertin PD Dr. Iris-Katharina Penner erzählt aus ihrer langjährigen Erfahrung mit MS-Betroffenen und gibt Ratschläge für den Alltag.

 
Einschränkungen in der Hirnleistung treten meist schleichend auf. Die meisten Betroffenen erleben zunächst eine Verlangsamung in ihrer Denkweise und können Informationen nicht mehr so rasch aufnehmen oder behalten.

 

Später kommt es vermehrt zu Konzentrationsstörungen und Aufmerksamkeitsmangel. Das sind unangenehme Folgen der MS-Erkrankung, welche im Alltag die Betroffenen sehr verunsichern.

 

Frau PD Dr. Iris-Katharina Penner vom Institut für Psychologie der Universität Basel kennt diese Problematik dank ihrer langjährigen Erfahrung mit MS-Betroffenen bestens. Im Folgenden beantwortet die Neuropsychologin die häufigsten Fragen im Umgang mit kognitiven Einschränkungen. Sie zeigt auf, dass ein bewusster Umgang und auch die Auseinandersetzung mit dem Thema sowohl für Betroffene wie auch Angehörige hilfreich sein können.

 

Legende zum Interview : Kognitive Einschränkungen bei MS

 
 

Sprechzimmer: Wann treten bei MS erste Hirnleistungsstörungen auf?

PD Dr. Iris-Katharina Penner

Störungen der Hirnleistung - im Folgenden auch kognitive Störungen genannt - können in jeder Phase der Erkrankung auftreten. Bereits bei Patienten mit einem Clinically Isolated Syndrome (CIS), d.h. zu einem Zeitpunkt, wo die definitive Diagnose MS noch gar nicht feststeht, können Veränderungen in den  Kernfunktionen des Gehirns beobachtet werden. Unabhängig von den verschiedenen Verlaufsformen können demnach kognitive Veränderungen auftreten. Der Zeitpunkt kann allerdings nicht im Vorhinein bestimmt werden.

 
 

Sprechzimmer: Können MS-Betroffene solchen kognitiven Störungen vorbeugen?

PD Dr. Iris-Katharina Penner

Eine Vorbeugung im Sinne einer kompletten Abwendung des Auftretens gibt es nicht. Was allerdings beobachtet wird, ist, dass Personen, die geistig sehr aktiv sind, eine bessere kognitive Reserve haben. Dies bedeutet, dass sich Einbussen erst später manifestieren, weil das Gehirn von geistig aktiven Menschen besser in der Lage ist,  Ausfälle zu kompensieren.

 
 

Sprechzimmer: Wie bemerke ich, dass meine Hirnleistung Defizite aufweist?

PD Dr. Iris-Katharina Penner

In den meisten Fällen fällt den Betroffenen eine Verlangsamung bei ihren Denkvorgängen selber auf. Man überlegt länger, bis man Entscheidungen trifft, braucht länger, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen, nimmt sich mehr Zeit beim Beantworten von Fragen etc. Hinzu kommt häufig eine Störung des Arbeitsgedächtnisses. Diese äussert sich vor allem im Unvermögen, kurzfristig Informationen im Gedächtnis zu behalten (z.B. Betroffene vergessen, was sie vor wenigen Augenblicken noch im Supermarkt einkaufen wollten, sie vergessen Telefonnummern, die soeben jemand gesagt hat etc.). Dazu kommen häufig Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit. Erste Anzeichen können allerdings so minimal sein, dass nur das engste soziale Umfeld oder die Betroffenen selber sie bemerken.

 
 

Sprechzimmer: Gibt es Tests, mit welchen man die geistigen Leistungen prüfen kann? Und: Wie kann ich Hirnleistungsstörungen von anderen Symptomen wie Müdigkeit und Depression abgrenzen?

PD Dr. Iris-Katharina Penner

Kognitive Veränderungen werden mittels standardisierter neuropsychologischer Testverfahren ermittelt. Hierzu liegen für jede Altersklasse so genannte Normwerte vor, mit denen man die individuellen Patientenwerte vergleicht. Bei MS sind nicht alle kognitiven Teilleistungen gleichsam betroffen. Es haben sich so genannte Kernfunktionen herauskristallisiert, die mehr betroffen sind als andere. Hierzu zählen: die Geschwindigkeit, mit welcher Informationen verarbeitet werden, das Arbeitsgedächtnis, die mentale Flexibilität und die Aufmerksamkeit. Folglich werden in neuropsychologischen Abklärungen bei MS-Patienten diese kognitiven Funktionen vorrangig getestet. Um sicherzustellen, dass diese Beeinträchtigung nicht durch eine Depression oder durch Fatigue (Müdigkeit) hervorgerufen wird, werden diese Phänomene in einer neuropsychologischen Untersuchung mit berücksichtigt und ins Verhältnis zu den mentalen Leistungen gesetzt.

 
 

Sprechzimmer: Muss ich bei Hirnleistungsstörungen mit Schwankungen rechnen und bleiben einmal aufgetretene kognitive Defizite für immer?

PD Dr. Iris-Katharina Penner

Kognitive Probleme unterliegen insofern Schwankungen, da sie durch Schübe zeitweise verschlimmert werden. Treten zusätzliche Krankheitsfaktoren wie Schlafstörungen, Fatigue, Depression etc. hinzu, können diese Begleitsymptome ihrerseits die kognitive Leistungsfähigkeit negativ beeinflussen und Schwankungen hervorrufen. Es gibt wenige Patienten, welche nur im Schub eine kognitive Leistungsstörung zeigen und nach dem Schub wieder komplett intakt sind. Zumindest leichte Beeinträchtigungen bleiben häufig bestehen. Diese können aber mit geeigneten Strategien im Alltag zum Teil kompensiert werden.

 
 

Sprechzimmer: Gibt es eine gezielte Behandlung bei kognitiven Teilleistungsstörungen?

PD Dr. Iris-Katharina Penner

Grundsätzlich gibt es keine „Pille“, die gezielt gegen kognitive Störungen bei MS eingesetzt werden kann und das Problem behebt.

Ohne Medikamente einzusetzen, besteht die Möglichkeit, den Störungen in der Hirnleistung mittels mentalen Trainings entgegenzuwirken. Defizitäre Prozesse können so zum Teil durch eine gezielte Stimulierung wieder in Gang gesetzt werden, was dem Gehirn helfen kann, sich neu zu organisieren. Die Wirksamkeit solcher Stimulationen konnte für das Programm BrainStim bei MS-Patienten bereits nachgewiesen werden. Geistige Aktivitäten jeder Art (Kartenspielen, Kreuzworträtsel lösen, Schachspielen etc.) unterstützen das Zentrale Nervensystem dabei, flexibel und geistig aktiv zu bleiben.

 
 

Sprechzimmer: Was raten Sie MS-Betroffenen, die unter kognitiven Einschränkungen leiden?

PD Dr. Iris-Katharina Penner

Sobald Betroffene ein Nachlassen der geistigen Fähigkeiten an sich selbst bemerken, sollten sie dies zunächst mit dem behandelnden Neurologen besprechen. Dieser kann bei Bedarf zu einer neuropsychologischen Abklärung überweisen, welche am besten durch eine/n auf MS spezialisierten Psychologin/en durchgeführt werden sollte. Das Feststellen von Einschränkungen in der Hirnleistung hilft Betroffenen oftmals, die Veränderungen als krankheitsbegleitend anzunehmen. Das sorgt auch im sozialen Umfeld für Entspannung, da nun eine klare Diagnose vorliegt.

 
 

Sprechzimmer: Sollten andere Menschen (Angehörige etc.) Bescheid wissen darüber, dass ich unter Störungen der Hirnleistung leide?

PD Dr. Iris-Katharina Penner

Wenn die Einschränkungen für den Betroffenen selbst stark einschränkend sind und er sich dadurch verunsichert fühlt, dann würde ich dazu raten, das Gegenüber kurz darüber in Kenntnis zu setzen. In diesem Fall würde ich mein Gegenüber zunächst darum bitten, langsamer zu sprechen, damit ich alle Informationen auch mitbekomme. Es bleibt natürlich immer abzuwägen, wie wichtig das Gegenüber für einen persönlich ist. Es ist nicht notwendig, jeder Person mitzuteilen, dass man ein wenig langsamer oder vergesslicher geworden ist.

 
 

Sprechzimmer: Können Depressionen oder Stress kognitive Fähigkeiten beeinflussen?

PD Dr. Iris-Katharina Penner

Stress und Depressionen können sich unabhängig von einer MS-Erkrankung negativ auf die kognitiven Leistungen auswirken, das ist belegt. Treten diese Faktoren zu der Grunderkrankung hinzu, kann man sich vorstellen, dass sich dies noch gravierender auswirken kann.

 
 

Sprechzimmer: Zum Schluss: Haben Sie für die Leserinnen und Leser Ratschläge? Gibt es Strategien, welche den Alltag trotz kognitiver Einschränkungen erleichtern?

PD Dr. Iris-Katharina Penner

Grundsätzlich ist es wichtig, dass man sich der Einschränkungen bewusst ist und sie dann versucht - auch wenn das sehr schwierig ist - als Teil der Erkrankung zu akzeptieren. Damit nimmt man sich selbst erst mal ganz viel Stress. Wenn man sich dann auch mit seinen Defiziten annehmen kann, lohnt es sich, über Strategien nachdenken. Diese sollten auf den  individuellen Alltag zugeschnitten sein. Beispiele: Aufschreiben von wichtigen, zu erledigenden Dingen, bewusstes Einbauen von Ruhephasen und Einhalten regelmässiger mentaler Trainingseinheiten.

1Penner et al., 2006
2Vogt et al., 2008, 2009

 

Medikamente und Einschränkung in der Hirnleistung:
Der Einfluss der auf das Immunsystem einwirkenden Therapien (Immunmodulatoren) auf die Hirnleistung (Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Geschwindigkeit, geistige Flexibilität) war bisher relativ schlecht untersucht. Ein bereits im Jahr 2000 postulierter positiver Effekt durch Interferon-Beta 1b konnte nun in einer kürzlich durchgeführten Analyse der grossen BENEFIT-Studie bestätigt werden. Neben Interferon-Beta 1b scheint auch Interferon-Beta 1a einen günstigen Effekt auf die Hirnleistung zu haben. Werden von Patienten vor allem Gedächtnisprobleme beklagt, kann ein Versuch mit sogenannten Acetylcholinesterasehemmern erfolgreich sein.

 

Wir bedanken uns herzlich bei Frau PD Dr. med. Iris-Katharina Penner für das äusserst informative Interview und wünschen ihr weiterhin viel Erfolg in ihrer Arbeit für die MS-Patienten.

 

Zur Interview-Partnerin

 

PD Dr. phil., Dipl.-Psych. Iris-Katharina Penner

PD Dr. phil.
Iris-Katharina Penner
 


Studium der Psychologie an den Universitäten Bonn und Berlin von 1990 bis 1996. Promotion 2003 an der Universität Basel im Bereich Neuroradiologie, Neurologie und Kognitionspsychologie. Habilitation 2009 an der Universität Basel.

 

Seit April 2010 Wissenschaftliche Mitarbeiterin in den Abteilungen Neurologie, Neuropädiatrie und Kognitive Psychologie der Universität Basel. Frau PD Dr. Penner beschäftigt sich in ihrer Forschung vor allem mit dem Thema der Neurokognition und Neuroplastizität bei neurodegenerativen und inflammatorischen Prozessen des Gehirns im Jugend- und Erwachsenenalter sowie mit Möglichkeiten der kognitiven Intervention und Prävention im gesund und pathologisch alternden Gehirn.

 

Universität Basel
Kognitive Psychologie und Methodologie
Missionsstr. 60/62
4055 Basel
Switzerland
Tel.: 0041-61-267-3525
Fax: 0041-61-267-3526
Email: ik.penner@unibas.ch

www.psycho.unibas.ch/penner


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25.09.2010 - dzu


 

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