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Ist Intelligenz noch nützlich?
 
Wir können ohne Google nicht mehr leben. Wie lange können wir trotz Google noch denken? Gedanken dazu von Prof. Klaus Neftel

Klaus Neftel
 
Ein Sternenhimmel von Bläschen auf der Haut eines Erstklässlers erlaubt schon den Eltern eine Blickdiagnose. Ein Zeckenbiss, gefolgt von einem Erythem um die Einstichstelle, ist bis zum Beweis des unwahrscheinlichen Gegenteils eine Borreliose. Die Trias intravenöser Drogenabusus, Fieber und multiple Lungenherde im Thoraxröntgenbild signalisiert mit über 90-prozentiger Sicherheit eine Rechtsherzendokarditis.

 

Schon etwas schwieriger ist es, hinter einer Tetralogie auf den ersten Blick eine eindeutige Diagnose zu erkennen. Ausserordentlich schwierig zu lösen sind die für knifflige Präsentation und als Raritäten berühmten case records aus dem New England Journal of Medicine, deren Lösung grosses Wissen und hohe Intelligenz erfordern.

 

Auch das stimmt heute nicht mehr. Tang und Ng haben vor zwei Jahren gezeigt, dass eine jedermann zugängliche Variante von künstlicher Intelligenz in der Lage ist, die scharfsinnig argumentierenden Experten aus dem NEJM in kurzer Zeit zu entzaubern. Alle case records eines Jahres wurden erfahrenen Ärzten vorgelegt, die noch keine Kenntnis der Lösungen hatten.

 

Aus der Diskussion ergaben sich je drei bis fünf Suchbegriffe, mit denen die drei am besten zu den klinischen Daten passenden Diagnosen sehr schnell „ergoogelt“ wurden. In 15 der 26 Fälle (58%) war die zutreffende Diagnose dabei. (Tang H, Ng JHK. Googling for a diagnosis - use of Google as a diagnostic aid: internet based study. BMJ 2006;333:1143-1145.) Täglich unternehmen mehrere Millionen von medizinischen Laien auf der ganzen Welt denselben Versuch, allerdings unkontrolliert, das heisst mit unbekannter Trefferquote.

 

Viele Ärzte haben aber im Praxisalltag schon oft erfahren, dass auch die Treffer ihrer Patienten häufiger sind, als man statistisch über den Daumen gepeilt annehmen würde. Peinlich und nicht vertrauensbildend, wenn der Arzt den Treffer selbst noch nicht gelandet hat.

 

Szenenwechsel. Der britische Neurologe John Langdon Haydon Langdon-Down beschrieb nicht nur das Down-Syndrom (Trisomie 21), sondern kreierte auch den nicht mehr ganz salonfähigen Begriff des „idiot savant“ (heute Inselbegabung oder Savant-Syndrom). Man unterscheidet erstaunliche von talentierten Savants – eigentlich genau gleich wie in der übrigen Welt.

 

Die extrem seltenen erstaunlichen Savants besitzen wirklich herausragende Fähigkeiten, die häufigen talentierten Savants erbringen nur durchschnittliche bis eventuell leicht überdurchschnittliche Leistungen, die aber im Rahmen der übrigen Behinderungen auffällig sind. Weltweit soll es nur etwa 100 wirklich erstaunliche Savants geben. Insgesamt sind über die Hälfte aller Savants Autisten. Der Typus des Savant wurde durch den Film Rain Man breiter bekannt. Dustin Hoffman spielt darin den Autisten Raymond.

 

Beim Lesen zum Thema „Savants“ dämmert einem, dass man selbst mit einem Bein dazu gehört. Das ist nicht erstaunlich, nachdem schwarze Löcher mit einigen Inseln dazwischen eher die Regel als die Ausnahme sind. Es ist auch nicht unerwünscht; eine Welt nur aus Klassenbesten wäre nicht die beste.

 

Was nun die case records des NEJM betrifft: Zu ihrer Lösung braucht man weder eine Hochintelligenz noch ein erstaunlicher Savant zu sein. Hilfreich ist hingegen ein Vorgehen analog demjenigen eines Arztes auf der Notfallstation, der laufend Dringliches gegen Nichtdringliches und Wichtiges gegen Unwichtiges abwägen muss. Zu den raren, wirklich erstaunlichen Idiots savants gehört inzwischen Google, das die zwei Unterscheidungen aber noch immer nicht vornehmen kann.

 


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05.08.2008 - dzu


 

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