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Gesundes Körpergewicht und soziale Benachteiligung

Referent: Dr. phil. M. Lamprecht, Soziologe, Lamprecht & Stamm Sozialforschung und Beratung AG, Zürich

 

Der soziale Status beeinflusst das Überleben. Dies zeigt sich einerseits anhand geschichtlicher Ereignisse, z.B. dem Untergang der Titanic (Frauen, insbesondere diejenigen der 1. Klasse, hatten viel höhere Überlebenschancen als zum Beispiel Männer, die 3. Klasse reisten), andererseits aber auch an neuzeitlichen Katastrophen. „Man rufe sich nur kurz die Auswirkungen des Tornados Katherina auf die sozial benachteiligte Gesellschaft in New Orleans in Errinnerung“, so Professor Lamprecht.

 

Die verschiedenen Formen sozialer Benachteilung (Diskriminierung, Ausgrenzung, Armut) wirken sich auch heute noch negativ auf die Gesundheit und Lebensqualität aus. Ungleichheiten in unserer Gesellschaft führen zu Unterschieden im Bewegungs-/Ernährungsverhalten und führen zu Übergewicht mit dem gesellschaftlichen Phänomen der Stigmatisierung.

 

Zahlen für die Schweiz zeigen, dass auch bei uns ein Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Gesundheit besteht. Die soziale Herkunft, Bildung, Beruf, Einkommen, Vermögen und verschiedene andere Faktoren beeinflussen gesundheitsrelevante Verhaltensweisen (siehe Abbildung 5). Personen mit tiefem Haushaltseinkommen (< 3'000 Fr./Mo) sind körperlich inaktiver, weisen ein schlechteres Ernährungsbewusstsein und häufiger Übergewicht auf (BMI>25) als Personen mit höherem Einkommen (> 6'000 Fr./Mo).

Wir sind von der Knappheitsgesellschaft zur Wohlstandsgesellschaft mutiert. Früher war „Körperfülle“ ein Symbol für Reichtum, heute ist es ein Stigma sozial Benachteiligter. Weniger finanzielle und zeitliche Ressourcen, ein Überangebot ungesunder Lebensmittel und eine sitzende Lebensweise sind hauptsächlich verantwortlich für die Zunahme an Übergewicht.

 

Gegenläufig besteht ein Trend zum Körperkult. Medien, Werbung und Mode vermitteln ein immer künstlicheres Bild vom Körper. „Normalgewicht“ existiert kaum mehr, entweder sind die Leute zu dick oder zu dünn. Das Schönheitsideal hat sich in den letzten 2 Jahrhunderten massiv verändert. Pölsterchen an Bauch, Gesäss und Oberschenkel sind out, solche werden allenfalls von Schönheitschirurgen entfernt. Die Körperideale geraten zunehmend ausser Kontrolle (Abbildung 6)!

Aufrufe, das Verhalten zu ändern, sind in ihrer Wirksamkeit begrenzt. Mit Gesundheitsförderungskampagnen werden vor allem Personen mit mittlerem oder höherem sozialem Status erreicht, die sozial benachteiligte Bevölkerung mit Gesundheitsproblemen oft nicht!


Welches sind die Konsequenzen daraus für die Gesundheitsförderung?

  • Da allgemeine Appelle häufig die Zielgruppe verfehlen, braucht es zielgruppenspezifische
    Anreizsysteme.
  • Auf Moralisierung und Androhung von Sanktionen soll verzichtet werden, strukturelle
    Veränderungen der Lebensbedingungen versprechen mehr Erfolg.
  • Der sozialen Ungleichheit ist mehr Beachtung zu schenken. Gesunde Ernährung sollte z. B.
    billiger werden. Wichtig sind die frühe Erkennung und Beeinflussung ungesunder
    Verhaltensweisen sowie die Schaffung von Raum für Bewegung im Alltag.

 

 
Mediscope - Dr. med. Susanne Schnorf-Huber und Dr. med. Daniel Desalmand
 
20.03.2006 - dzu
 



 

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