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Psychische Gesundheit auf persönlicher und struktureller Ebene fördern

Psychische Gesundheit auf persönlicher und struktureller Ebene fördern Referat von Prof Johannes Siegrist, Institut für Medizinische Soziologie, Heinrich-Heine- Universität Düsseldorf, Deutschland


Obwohl jeder durch seine genetische Veranlagung und die frühkindlichen Erfahrungen geprägt ist, bleibt die Chance, den Gesundheitszustand durch eigenes Handeln und Beeinflussung der Umwelt zu verbessern, immens gross. Welches sind nun konkrete Möglichkeiten zur Verbesserung der psychischen Gesundheit? Vor der Beantwortung dieser Frage erklärt Prof. Siegrist, wie man sich nach heutigem Stand des Wissens die Entwicklung von psychischem Stress und daraus erfolgten Krankheiten vorstellt.


Das Prinzip der sozialen Reziprozität und die Gratifikationskrise

Nach Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, sind Arbeit und Liebe die beiden Garanten für psychische Gesundheit. Anzustreben ist demnach die Fähigkeit, aus der Ich-Befangenheit durch eigenverantwortliches Handeln während der Arbeit und durch zuverlässige emotionale Hinwendung zu nahestehenden Personen herauszutreten. Wichtig sind ein zwischenmenschlicher Austausch und ein soziales Umfeld. Diesem Austausch liegt ein fundamentales Prinzip zu Grunde: die Reziprozität.

 

Die Reziprozität besagt, dass jede Gabe respektive Leistung einer Person A gegenüber einer Person B von B mit einer gleichwertigen Gegenleistung an A beantwortet wird. Wird dieses Prinzip verletzt, so entsteht ein im Fachjargon als „Gratifikationskrise“ bezeichnetes Krankheitspotential; insbesondere dann, wenn emotional oder materiell wichtige Beziehungen betroffen sind (z.B. Partnerschaft, Arbeitsvertrag). Abbildung 7 illustriert das Modell anhand der beruflichen Gratifikationskrise.

Kommt die Waage durch zu hohe Anforderungen, zu geringe Wertschätzung oder zu hohe persönliche Ansprüche an sich selbst aus dem Gleichgewicht, entsteht eine Gratifikationskrise. Warum erfahren Menschen nun über längere Zeit eine Gratifikationskrise am Arbeitsplatz? Dafür gibt es gemäss Siegrist drei grundsätzlich verschiedene Erklärungen:

  • Abhängigkeit: Ausgetrockneter Arbeitsmarkt; der Beschäftigte zieht den ungleichen Austausch dem Arbeitsplatzverlust vor.
  • Strategische Entscheidung für ein ungleiches Geben und Erhalten, um sich in Zukunft die
    Karrierechancen zu verbessern.
  • Übersteigerte Verausgabungsneigung: Die Leistungsbereitschaft ist so gross, dass die
    investierte Verausgabung immer grösser sein wird als die Belohnung.

Dass dieses Modell mehr als nur ein Erklärungsversuch für die Entstehung von intensivem Stress und psychischer Erkrankung ist, haben verschiedene epidemiologische Studien gezeigt. So haben die Autoren einer Studie aus Finnland nachgewiesen, dass Personen, welche bei hoher Anforderung wenig Kontrolle über ihre Arbeit haben oder Gratifikationskrisen erleben, häufiger organisch krank sind als Personen ohne berufliche Belastung (Siehe Abbildung 8, Kivimäki et al, BMJ 2002;325:857).

Genauso wie für organische Krankheiten gilt die Beziehung zwischen niedriger Arbeitskontrolle/Gratifikationskrise und Krankheitsrisiko für psychische Leiden. Ergebnisse einer Whitehall II Studie zeigen, dass die Häufigkeit depressiver Störungen klar von der Verausgabungsneigung, der Arbeitskontrolle und der Belohnungspolitik abhängt (Siehe Abbildung 9, SA Stansfeld et al, Occup Environ Med. 1999;56:302-307).

Psychische Störungen finden sich bei jeder dritten Frau mit Stress am Arbeitsplatz. Bei Frauen ohne Stressbelastung am Arbeitsplatz ist im Gegensatz dazu nur jede zehnte Frau betroffen. Andere Untersuchungen haben gezeigt, dass die Ungewissheit über die Arbeitsplatzsicherheit ein wesentlicher Stressfaktor ist. Bereits der Abbau von Stellen im Arbeitskollegenkreis sorgt für ein erhöhtes Erkrankungsrisiko.


Mindestens ein halbes Dutzend Studien aus Europa (und übrigens auch Japan) belegen den Zusammenhang zwischen Gratifikationskrisen und depressiven Symptomen. Dieser Zusammenhang gilt nicht nur für berufliche, sondern auch für private Gratifikationskrisen (Siehe Abbildung 10, N Drago et al, 2004, nicht publiziert).

Die spannende Frage „Hinterlassen berufliche Gratifikationskrisen auch Spuren im Körper, welche das Risiko einer psychischen Erkrankung erhöhen können?“ beantwortet Prof. Siegrist gleich selbst: „Eine veränderte, zumeist erhöhte Ausscheidung von Cortisol ins Blut sowie in andere Körperflüssigkeiten gilt als Gefährdungshinweis für depressive Störungen. Im Rahmen der Whitehall-Studie wurde bei einer ausgewählten Gruppe gesunder Männer das Muster der Cortisol- Ausscheidung im Speichel über einen ganzen Arbeitstag, in Abhängigkeit von psychosozialen Belastungen, untersucht.“ Die Ergebnisse dieser Untersuchung sind in Abbildung 11 dargestellt.

Der Referent führt aus: „Die Ausscheidungsrate bei Männern, welche Gratifikationskrisen infolge einer übersteigerten beruflichen Verausgabungsneigung erlebten, war gegenüber solchen ohne hohe Verausgabungsneigung signifikant erhöht. Diese Männer waren geneigt, mehr zu leisten als eigentlich von ihnen erwartet wurde. Sie setzten sich somit, wohl eher unbewusst als bewusst, in erhöhtem Masse Enttäuschungen ihrer Belohnungserwartungen aus.“


Praktische Folgerung für die Prävention

Der Referent beschränkt sich auf die Möglichkeiten zur Verhinderung von Gratifikationskrisen in der Arbeitswelt.


Auf personeller Ebene gibt es zwei Ansatzpunkte zu einer gesünderen Arbeitsgestaltung:

  • 1. Training der persönlichen Stressbewältigung: Mit hohen Anforderungen umzugehen lernen, hohe Verausgabungsneigung reduzieren, sich Grenzen setzen, Entspannungsübungen, Verhaltenstraining.
  • 2. Mehr Anerkennung, adäquates Führungsverhalten: Verbesserte Kommunikation, betriebliche Anerkennungskultur.

Als ein Beispiel für die Wirksamkeit solcher Interventionen nennt Siegrist die Studie an einer Gruppe von Busfahrern. Diese waren aufgrund ihrer Tätigkeit einem hohen Mass an Stress ausgesetzt. Durch die Schulung zur Reduktion der Verausgabungsneigung (Pünktlichkeit, Freundlichkeit trotz hohem Verkehrsaufkommen) konnte das Risikoverhalten stark gesenkt werden.


Verbesserungsvorschläge auf struktureller Ebene:

  • 1. Änderung der Arbeitsorganisation: Mehr Eigenkontrolle bei der Arbeit, Verantwortung,
    Anpassung der Anforderungen.
  • 2. Verbesserung der Gratifikationsstruktur: Leistungsgerechter Lohn, Bonussystem,
    Gewinnbeteiligung, Aufstiegschancen, Arbeitsplatzsicherheit, individualisierte
    Arbeitszeitgestaltung.

Ökonomische und rechtliche Hindernisse, sowie Interessenskonflikte werden die Umsetzung dieser gesundheitsfördernden Massnahmen einschränken. Prof. Siegrist weist insbesondere deshalb darauf hin, da ein gutes Gesundheitsmanagement in einem Betrieb durchaus auch unter dem Aspekt „return on investment“ attraktiv ist. Wirtschaftlicher Erfolg und Gesundheit am Arbeitsplatz widersprechen sich nicht, sondern sollten Hand in Hand gehen.keit von der beruflichen Verausgabungsneigung.

 

 
Mediscope - Dr. med. Susanne Schnorf-Huber und Dr. med. Daniel Desalmand
 
20.03.2006 - dzu
 

 



 

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